Dr. med. Jens Christian Krause
Kinder- und Jugendmedizin

Ist mein Kind durch Coronaviren besonders gefährdet?
Nach den bisher vorliegenden wissenschaftlichen Daten scheinen viele Kinder nach einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 asymptomatisch oder nur mild symptomatisch zu sein. Die Hauptlast der Erkrankung tragen alte Menschen und Erwachsene mit Vorerkrankungen. Es gibt in der Fachliteratur Hinweise, dass Kinder mit Grunderkrankungen schwerere Verläufe bei der COVID-19-Erkrankung als sonst gesunde Kinder zeigen können, auch wenn schwerere Verläufe im Kindesalter immer noch selten sind.

In der Fachliteratur gibt es Berichte, dass Eltern wegen COVID-19 so besorgt sind, dass sie ihre Kinder selbst bei schwerwiegenden Erkrankungen nicht oder erst sehr spät zum Arzt bringen. Auch sind wir besorgt, dass Impflücken bei Kindern entstehen zum Beispiel gegenüber Masern, die für die meisten Kinder eine erheblich größere Bedrohung als COVID-19 darstellen. Alle öffentlich empfohlenen Impfungen können auch während der COVID-19-Pandemie durchgeführt werden. Davon abgesehen leiden die Kinder auch psychisch unter fehlenden Sozialkontakten, ausgefallenem Unterricht und fehlender Bewegung.

Was hat sich an der Praxisorganisation seit dem COVID-19-Ausbruch geändert?
Einige dieser Praxisregeln hatten wir auch schon vor COVID-19 etabliert:

Stellen Sie ein Attest aus, damit mein Kind keinen Mund-Nasenschutz benutzen muss?
Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg schreibt: "Aus der Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg geht hervor, dass eine Ausnahme von der Maskenpflicht besteht, wenn das Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung aus medizinischen Gründen unzumutbar ist. Da die Pflicht zum Tragen der Masken aus einer Rechtsverordnung des Landes resultiert, kann der Arzt keine Befreiung von dieser Pflicht aussprechen. Allerdings ist es möglich, dass der Arzt dem Patienten attestiert, dass ihm aus medizinischen Gründen das Tragen einer Maske im Sinne der Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg unzumutbar ist." Für fast alle Schulkinder erscheint uns das Tragen eines Mund-Nasenschutzes zumutbar. Dies gilt auch für fast alle Kinder mit Heuschnupfen oder Asthma. Solche Atteste halten wir vor allem für Kinder und Jugendliche mit ausgeprägten Entwicklungsstörungen, bei denen das Kind oder der Jugendliche kognitiv nicht in der Lage ist, den Mund-Nasenschutz zu tragen, für sinnvoll.

Stellen Sie ein Attest aus, damit mein Kind die Schule nicht besuchen muss?
Die allermeisten Kinder und Jugendlichen sollten wieder in die Schule gehen, sobald dies möglich ist. Was ist, wenn ein SARS-CoV-2-Impfstoff erst in drei Jahren ausreichend verfügbar sein sollte? Sollten dann die Kinder bis dahin nicht mehr in die Schule gehen?

Muss ich lange im Wartezimmer sitzen?
Wir trennen unsere Sprechstunde in Termin- und Akutsprechstunde. Dadurch versprechen wir uns, die Wartezeiten für alle Patienten zu reduzieren und Kontakte zu Mitpatienten zu vermeiden. Wir bestellen weniger Patienten ein und planen vorausschauend. Auch vor diesem Hintergrund bitten wir Sie dringend um Pünktlichkeit und darum, uns rechtzeitig zu kontaktieren, wenn Sie einen Termin nicht wahrnehmen können.

Kann ich mein Kind bei Ihnen auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 testen lassen?
Wir testen derzeit keine Kinder auf eine Infektion mit SARS-CoV-2. Testungen werden im Kreis Rottweil ab 01.07.2020 in den Corona-Schwerpunktpraxen durchgeführt. Wenn Ihr Kind Kontakt mit einem bestätigten COVID-19-Fall hatte und Symptome einer Atemwegserkrankung zeigt, bitten wir Sie, uns telefonisch zu kontaktieren. Wenn Ihr Kind Vorerkrankungen hat und Symptome einer Atemwegserkrankung zeigt, aber keinen Kontakt zu einem bestätigten COVID-19-Fall hatte, bitten wir Sie, uns ebenfalls telefonisch zu kontaktieren. Wir melden Sie dann im Testzentrum an.

Wie stehen Sie zu Testungen bei Kindern?
Wenn wir die COVID-19-Pandemie weiter unter Kontrolle halten möchten, müssen wir symptomatische Erwachsene testen. Bei der Influenza (der echten Grippe) spielen Kinder und Jugendliche für die Ausbreitung der Viren eine wichtige Rolle. Die Daten der Influenza lassen sich aber nicht auf SARS-CoV-2 übertragen. In chinesischen Untersuchungen wurden die Kinder meist durch SARS-CoV-2-infizierte Erwachsene, nicht aber durch andere Kinder angesteckt. Kinder und Jugendliche, die Kontakt zu Testpositiven haben, müssen wir ebenfalls testen, da sich Kinder und Jugendliche bei erkrankten Erwachsenen anstecken. Ich halte es aber nicht für praktikabel, jedes Kind mit Atemwegssymptomen ohne Kontakt zu einem SARS-CoV-2-Testpositiven zu testen. Kinder im zweiten Lebensjahr, die in die Kita gehen, können bis zu 12 Infekte im Jahr durchmachen. Wir können diese Kinder nicht 12x im Jahr abstreichen.

Wann darf mein Kind mit einer Atemwegserkrankung wieder in die Schule/in den Kindergarten?
Von kinderärztlicher Seite sollte das Kind oder der Jugendliche mindestens 24 Stunden fieberfrei sein. Ein Kind, was Schnupfen oder Husten hat, sollte nicht vom Kindergarten- oder Schulbesuch ausgeschlossen werden, sofern nicht der begründete Verdacht für eine SARS-CoV-2-Infektion besteht. Atteste zur Wiederzulassung im Kindergarten nach Atemwegsinfektion stellen wir nicht aus.

Wie lange können die SARS-CoV-2-Viren ausgeschieden werden?
Die mediane Dauer der viralen Ausscheidung betrug in der Studie von Zhou F et al (Lancet, 2020) zwanzig Tage (!), die längste Dauer der Ausscheidung bei Überlebenden 37 Tage. Ob die Viren auch so lange ansteckend sind, ist zweifelhaft. Wahrscheinlich spielt es eine größere Rolle, dass komplett asymptomatische Menschen das Virus ausscheiden können beziehungsweise symptomatische Patienten das Virus schon vor dem Beginn der Symptome ausscheiden können.

Können Sie bei uns einen Bluttest auf eine durchgemachte SARS-CoV-2-Infektion durchführen?
Die Qualität verschiedener kommerzieller Antikörper-Tests scheint durchwachsen zu sein. Ich sehe die besseren Tests als hilfreich für Studien an (wie hoch ist die Durchseuchung in einer Bevölkerungsgruppe?). Die Tests können aber nicht als Grundlage für individuelle Entscheidungen stehen (darf ich Menschen mit Vorerkankungen wieder besuchen?). Wenn ich Antikörper gegen SARS-CoV-2 habe, sind die dann auch neutralisierend? Können die also dann auch bei erneutem Kontakt mit SARS-CoV-2 vor dem Virus schützen? Und wie lange hält die Immunität an? Von "Immunitätsausweisen" sind wir bei SARS-CoV-2 noch sehr weit entfernt. Das ist mehr politisches Wunschdenken, was bisher nicht auf einer gesicherten wissenschaftlichen Grundlage beruht. Unser Labor bietet einen Antikörpertest auf SARS-CoV-2-IgG an, der frühestens 3 Wochen nach vermutetem Erkrankungsbeginn aus peripherem Venenblut durchgeführt werden kann. Dieser Test kann nicht auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet werden.

Wie sieht es mit der Grippeschutzimpfung im Winter 2020/21 aus?
Die Influenza-Saison 2020/21 bereitet uns große Sorgen. Fieber über 40 Grad Celsius, produktiver Husten und deutlich reduzierter Allgemeinzustand können Symptome von COVID-19, aber auch von Influenza sein. Wenn es viele Grippe-Kranke gibt, wird es fast unmöglich sein, diese von COVID-19-Patienten ohne Testung zu unterscheiden. Wir wissen auch nicht, ob eine Infektion mit SARS-CoV-2 schwerer verläuft, wenn diese Menschen zugleich mit Influenza infiziert sind. Deswegen sollte unser Ziel sein, so viele Menschen wie möglich gegen die Influenza zu impfen. Die Influenza-Impfung muss jährlich durchgeführt werden, um wirksam zu sein. Menschen ab dem vollendeten 6. Lebensmonat können gegen Influenza geimpft werden. Dabei ist zu beachten, dass bei Kindern vor dem 9. Geburtstag in der ersten Impfsaison zwei Influenza-Impfungen im Abstand von 4 Wochen notwendig sind, damit diese Kinder schon in der ersten Impfsaison gegen Grippe geschützt sind. Der Impfstoff steht in der Regel Ende September/Anfang Oktober zur Verfügung.
Wenn Sie an der Influenza-Impfung interessiert sind, melden Sie sich bitte Ende September/Anfang Oktober bei uns. Wenn Sie/Ihr Kind gesetzlich krankenversichert sind und einer Risikogruppe angehören (z.B. Asthma bronchiale), werden wir eine bestimmte Menge an Impfstoff im Sprechstundenbedarf für Sie vorhalten können (Indikationsimpfung). Wenn Sie gesetzlich krankenversichert sind und keiner Risikogruppe angehören, stellen wir Ihnen ein Kassenrezept aus, damit Sie den Impfstoff aus der Apotheke zum Impftermin mitbringen können (Satzungsleistung). Für privat Versicherte werden wir ein Kontingent an Impfstoff zur Verfügung haben; wenn dieses erschöpft ist, besteht noch die Möglichkeit, aus der Apotheke auf Privatrezept Impfstoff zum Impftermin mitzubringen.

Wie sieht es mit der Pneumokokken-Impfung bei Kindern aus?
Es gibt momentan Lieferengpässe bei Pneumokokken-Impfstoffen. Es gibt seitens der STIKO eine allgemeine Pneumokokken-Impfempfehlung für alle Kinder in den ersten zwei Lebensjahren. Der für diese Kinder verwendete Impfstoff (ein Konjugat-Impfstoff) unterscheidet sich von dem Impfstoff, der bei Erwachsenen verwendet wird (eine Polysaccharid-Vakzine). Den Konjugatimpfstoff für die Kinder haben wir verfügbar.

Gibt es andere Lieferengpässe bei Impfungen für Kinder und Jugendliche?
Auch für andere Impfstoffe gibt es momentan Lieferengpässe. Für den Masern-Mumps-Röteln-Windpocken-Kombinationsimpfstoff Priorix-Tetra ist mit ProQuad ein gleichwertiger Ersatz am Markt verfügbar. Am meisten beschäftigt uns momentan die Liefersituation bei den Impfstoffen gegen humane Papillomaviren (HPV), die bei Frauen Gebärmutterhalskrebs und bei Männern Penis- und Analkarzinome auslösen können. Die HPV-Impfung ist ab dem 9. Geburtstag zugelassen und öffentlich empfohlen. Bei mangelnder Verfügbarkeit empfiehlt die STIKO, dass "vorrangig bisher ungeimpfte Kinder im Alter von 9-14 Jahren die erste Impfdosis mit Gardasil 9 enthalten". Für Kinder und Jugendliche, die auf die zweite (oder dritte) Impfdosis warten, führen wir keine Warteliste.

Gibt es Besonderheiten zu Asthma bronchiale bei COVID-19 zu beachten?
Es ist denkbar, dass Kinder mit schwerer verlaufendem Asthma bronchiale auch schwerere Verläufe von COVID-19 zeigen können. Bisher gibt es dazu aber noch wenige Daten. Bei Kindern mit Asthma sollte man momentan eher nicht die Controller-Medikamente zurückfahren, auch wenn der Winter vorbei ist (sprechen Sie uns bitte an!). Die Verneblung von Medikamenten wie Salbutamol erhöht den Eintrag von Viren in die unteren Atemwege. Deswegen sollten die Kinder zu Hause vorzugsweise trocken inhalieren (Abrams EM, Szeffler SJ. J Peds 2020). Auch auf das Inhalieren von Kochsalz bei Kindern mit Atemwegsinfekten würden wir verzichten.

Was mache ich mit meinen Kindern während der Corona-Krise?

Stand: 15. Juli 2020